Max und seine beiden Freunde sitzen in unserer Küche und schauen gegen die beige Wand. Hinter ihnen haben wir unsere Kamera aufgebaut. Sie wird gleich die Hinterköpfe der drei Aktionskünstler aufnehmen. Die drei wollen nicht erkannt werden.
Zuvor haben wir uns mit ihnen in einer benachbarten Kneipe getroffen. Eine der Bedingungen lautet: keine echten Namen, sie wollen anonym bleiben. Die drei sind zwischen 25 und 30, gerade frisch von der Kunstakademie. Sie können es sich nicht leisten, von Apple oder deren Anzeigen-Agentur verklagt zu werden.
„Wir haben nichts gegen Steve Jobs“, sagt Max. „Wir bewundern ihn, ja, wir finden seine Produkte toll. Allerdings: Wir wollen uns nicht von ihm diktieren lassen, was wir sehen oder denken dürfen.“
Einen Tag vor Beginn der Entwicklerkonferenz von Apple, der WWDC, haben die drei rund um das Konferenzzentrum Moscone West für Aufmerksamkeit gesorgt – zumindest haben sie es auf die Startseite von Techcrunch geschafft, und das will etwas heißen. Das war der Tag vor der so genannten Keynote von Apple-Boss Jobs. In jener Nacht vor der Keynote, es muss der frühe Montagmorgen sein, ziehen Max, Marcos und Ian ihre schwarzen Kapuzenjacken an, schnappen sich eine Videokamera und packen vorsichtig die Plakate ein, die sie nur wenige Stunden zuvor produziert haben. „Freedom for porn – Dudes who like porn“ – nennen sie ihre Aktion.
Die Plakate sehen der aktuellen iPad Werbekampagne verblüffend ähnlich. Nur einige, sagen wir mal „Nuancen“, stimmen nicht mit der Original-Kampagne überein. Da ist zum Beispiel ein iPad, das die fiktive Facebook Seite des Apple-Chefs zeigt.
Die Idee zu der Aktion hatten wir am Vortag sagt Max, wir haben uns durch eine ähnliche Aktion eines Künstlers in Berlin inspirieren lassen. Dann haben wir uns an unsere Rechner gesetzt und angefangen, die Plakate kreativ zu verbessern.
Szenenwechsel: 1. Tag der WWDC. Wir sind nervös. Das liegt zum einen am Schlafmangel der vergangenen Tage, zum anderen wissen wir nicht so recht, was uns da erwartet. Welche Bilder können wir einfangen? Dutzende TV-Teams aus aller Welt sind akkreditiert. Wir können wir uns mit unseren Aufnahmen unterscheiden? Wird unser Standplatz okay sein oder sind wir ganz hinten?
Zum Glück ist bei der Firma Apple alles durchorganisiert. Dem Zufall wird hier nichts überlassen. Kalifornien und die Events der Tech-Branche haben wir vielfach anders erlebt. Nicht unprofessioneller, aber irgendwie „wärmer“, lockerer, halt typisch amerikanisch.
Apple ist dagegen straff durchorganisiert. Die Keynote ist vorbei. Ich packe gerade Stativ und Kamera zusammen, da spricht mich einer unserer deutschen Betreuer an und bittet mich, den Saal zu verlassen. Ich solle nach nebenan gehen. Dort wird das neue, soeben von Jobs gepriesene iPhone 4 speziell für die Presseleute ausgestellt.
Kollege Gutjahr kommt auf mich zu und flüstert mir ins Ohr: „Schnell – vor der Bühne steht noch Jobs, vielleicht kannst Du ihn aufnehmen“. Ich haste zur Bühne vor, dort wo der Menschenpulk ist, Blitzlichtgewitter. „Hier können Sie nicht lang!“ ruft mir die Apple-Mitarbeiterin in ihrem blauen T-Shirt hinterher. Ich ignoriere sie. Jobs steht vor der Bühne. Sein schwarzer Rollkragenpullover hängt schlaff an seinem ausgemergelten Körper. Der Gürtel ist um die Hüfte festgezogen. Im letzten Loch. Jobs scheint Nähe zu suchen. Er posiert ein wenig für die Kameras, wieder flackern die Blitzlichter auf. Er geht zurück zum Rednerpult, nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche und kommt direkt vor der Bühne. Vielleicht 50 bis hundert Menschen stehen noch dort. Jobs geht in die Menge, lässt sich die Hand schütteln. Immer in seiner Nähe: seine Assistentin. Kommt ihrem Chef einer zunahe, Fan oder Presse, das spielt keine Rolle, gibt es als Verwarnug erst einen gestrengen Blick. Macht man dann noch immer keine Anstalten, den „Sicherheitsabstand“ einzuhalten, faucht sie einen bestimmt an, dass man mit Herrn Jobs nicht reden könne und doch bitte Abstand wahren solle.
Jobs läuft durch die Menge, ohne Ziel. Einmal rein, dann wieder raus. Er geht hinter die Absperrung neben der Bühne und sucht seinen Vize Phil Schiller.
Nebenan im Presseraum spielt sich diegleiche Situation ab. Die Presse darf für eine halbe Stunde das iPhone 4 ablichten, in die Hand nehmen, damit herrum spielen. Viele der großen Tech-Journalisten aus dem Valley sind da. Walt Mossberg und Kara Swisher. Die Leute von Techcrunch. „Schnell komm, da steht wieder der Jobs“, sagt Richard, der mich gerade beim Objektiv-Wechsel stört. „Wie, der Jobs ist im Presseraum?“ frage ich. „Ja, schnell komm rüber.“
Ich sehe uns schon, ein Mini-Interview mit Jobs führen. Wie Richard sich vorpirscht und ihm ein oder zwei O-Töne entlockt. Jobs steht an einem der Tisch, auf dem die neuen iPhones ausliegen und unterhält sich mit einem Asiaten, den er gerade zu dem Tisch geführt hat.
Richard und ich boxen uns vor. Streiche boxen. Wir gehen auf die andere Tischseite. Stehen jetzt neben dem ihm. „Komm, frag ihn was“ murmele ich zu Richard. Der will sich Mikrophon anheben und einen Schritt auf Jobs zumachen, da steht plötzlich unser deutscher Pressebetreuer. Der Blickkontakt reicht aus. Kein Interview. Jede Nachfrage erübrigt sich.
Jobs kommt noch zwei oder drei mal zum Bad in der Presse zurück. Keiner der Jounalisten, der Kamerateams macht Anstalten ihn zu interviewen. Ich bin echt baff. Schweiß läuft mir die Schläfen runter. Zum Glück trage ich ein Jackett, mein weißes Hemd ist durchnässt. Stativ, Kamera und Mikrophone schleppen. Schnell wieder auf und zusammenbauen. Hier noch ein Schuss, dann ein Bild aus diesem Blickwinkel („Sorry, aber sie dürfen nur das iPhone aufnehmen, mein Gesicht dürfen sie nicht filmen“, sagt mir die Apple-Mitarbeiterin). Ich bin ko, muss mich mal nach der fast zweistündigen Keynote kurz mal auf den Boden setzen. „Sorry, hier können Sie nicht sitzen, bitte stehen Sie wieder auf“, bedeutet mir die Apple-Mitarbeiterin. Im 2. Stock, Seitengang Moscone West, ist Sitzen nicht erlaubt. Man könnte es sich ja bequem machen. Und die Presse muss zum Zeitpunkt X das Gebäude wieder verlassen haben. Schließlich wollen die 5.000 Apple-Entwickler den Rest der Woche unter sich sein.
Robert Scoble, Tech-Blogger, fragt uns zwei Tage später, ob wir uns schon einml die Parkplätze in Cupertino (Apple Hauptsitz) und Mountain View (Google Hauptsitz) angesehen hätten: Bei den Apple-Leuten, so Scoble, überwiegen die Luxusschlitten aus Germany, bei Google sieht man Öko-Autos und jede Menge Fahrräder. Die Unternehmenskultur beider Konzerne seien total verschieden. Bei Apple dürften die Entwicklungsabteilungen untereinander nur nach vorheriger Genehmigung miteinander sprechen, bei Google hingegen stehe Offenheit und Transparenz im Vordergrund.
Apple fasziniert und macht zugleich Angst. Ich kann Richard besser verstehen, der so ziemlich alles über Jobs weiß, was an Informationen öffentlich über ihn zugänglich ist. In Zeiten von Blogs, von Facebook, Twitter und anderer Dienste, erscheinen die Handlungen des amerikanischen Konzerns nur schwer nachvollziehbar. Gleichzeit bekommt Apple durch seinen enormen Erfolge bei iPhone und iPad recht. Befremdlich ist mir der “Personen-Kult” um Apple Boss Jobs. Vorauseilenden Gehorsam mochte ich noch nie. Was wird, wenn Jobs mal nicht mehr das Unternehmen lenkt? Werden seine NachfolgerInnen genauso verbissen und sturköpfig agieren?
Mehr zur WWDC am kommenden Samstag, dem 20. Juni bei 3sat neues um 16 Uhr 30.
Hier schon mal ein kleiner Vorgeschmack, auf das, was Euch erwartet in einem Videoclip von Richard.






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