Avid und Adobe haben neue Versionen ihrer Videoschnittsoftware veröffentlicht: Beide Systeme (Media Composer 5 und Premiere CS5) können jetzt auch Videofiles der so genannten DSLR Kameras direkt verarbeiten. Das nervige Transcodieren, so die Ankündigung, entfalle. Vor allem Avid hat mit der fünften Version seines Media Composers, den es für Mac- und Windows-Plattformen gibt, einen deutlichen Sprung nach vorne gemacht. Das System ist durch die neue Smart Tool Leiste um einiges intuitiver und leichter bedienbar geworden.
In den vergangen Tagen bin ich immer wieder geschwankt: Soll ich doch zur neuen Version von Adobe Premiere umsteigen? Vor allem die gute Performance der nativen MP4-Files in der Premiere Timeline haben mich positiv überrascht. Auch die Workflows, gerade beim Ausspielen verschiedener Formate fürs Web, überzeugen. Am Ende – und nach einigen Tagen des Testens – habe ich mich doch entschieden dem Media Composer – hier der 5. Version – treu zu bleiben. Ein Grund war: Die Zusammenarbeit mit After Effects oder Adobe Audition wird mit Premiere nicht besser oder gar schneller, nur weil sie zur selben Familie gehören. Ein anderer – allerdings nur oberflächlicher Eindruck – Premiere CS5 ist mir zu “unaufgeräumt” und schlußendlich zu wenig durchdacht.
Der Markt der professionellen Videoschnittsysteme ist aufgeteilt: Auf der einen Seite der Media Composer von Avid, auf der anderen Seite Final Cut Pro von Apple. Danach kommt eine Weile nichts. Dann erst folgen Premiere von Adobe, Edius von Canopus und Vegas Pro von Sony.
Avid konnte sich bislang darauf ausruhen, dass es der quasi Standard der Fernsehsender weltweit war. Eine ganze Generation von Cuttern wuchs damit auf. Lange Zeit hat sich das amerikanische Unternehmen auf diesen Lorbeeren ausgeruht, was sich wohl auch in einer gewissen Arroganz gegenüber seinen Usern niederschlug. Bei Avid schien man fast nur Augen und Ohren für die großen TV-Produktionen zu haben, die neben der Software vor allem auch zusätzliche Hardware einkauften. Die Wünsche der User ordnete man offenbar der Funktionalität in großen Unternehmens-Netzwerken unter. Die Folge: Der Nachwuchs fehlt.
Erst als Apple mit seiner Schnittlösung Final Cut Pro populärer wurde und immer häufiger Avid ersetzte, wachte man scheinbar auf. Dennoch: Solch ein Wandel dauert. Avid kommt meiner Meinung nach in seinem Marketing, der Ansprache seiner User noch extrem “schnarch-zapfig” rüber. Man braucht sich nur das Avid eigene User Forum ansehen – von Jugendlichkeit oder Dynamik keine Spur. Die immer gleichen Moderatoren mit extrem langweiligen Tutorials. Das ist alles ziemlich traurig.
Vor allem in Deutschland hinkt man der guten alten Zeit anscheinend hinterher: Obwohl die neue Version schon seit über zehn Tagen draussen ist (es gibt nur eine Sprachversion und das ist englisch), wird auf der deutschen Avid-Website immer noch Version 4 beworben. Ahhhhhhh!
Einstieg ist schwierig
Avid ist eine eigene Welt: Die Bedienung der Schnittsoftware kostet anfangs Zeit und Geduld. Gerade wenn man das Look-and-Feel von Windows gewohnt ist, sind “Copy” und “Paste” und das scrollen mit dem Mausrad vertraute Werkzeuge. Diese sucht man in der Schnittsoftware anfangs vergebens.
Auf Avid muss man sich einlassen: Als Avid-Anfänger mal schnell ein Video schneiden, wird mit Frustration bestraft. Wer mit dem MC zurecht kommen möchte, muss sich auf die anfangs wenig logisch und umständlich erscheinenden Werkzeuge und Funktionen einlassen. Das dauert etliche Stunden. Hat man das System aber begriffen, überzeugt es durch Stabilität, flottes Bearbeiten und eine Tiefe in den Möglichkeiten, die vermutlich kaum eine andere Videoschnitt-Software bietet.
Alles-Fresser MC5
Der MC hat sich seit den letzten beiden Vorgängerversionen 3.5 und 4.0 zu einem “Alles-Fresser” gemausert. Es gibt kaum ein professionelles Videoformat, das der Avid nativ nicht verspeist: Vom AVC Intra Codec von Panasonic über Material von der RED bis hin zum hochkomprimierten MP4 File aus einer DSLR Kamera wie der Canon 5d Mark II.
Nativ bedeutet: das jeweilige Format muss nicht erst in den Avid eigenen Codec – für HD heißt er DNxHD – umgewandelt werden. Native Bearbeitung hört sich im ersten Moment zwar toll an, hat aber auch ihre Tücken. Einige der sonst üblichen Funktionen wie das Erzeugen von Quick Time Reference Files, steht nicht zur Verfügung. Auch lassen sich keine AAF oder OMF Files zu ProTools schicken. Das klappt erst dann, wenn man die Videofiles ins Avid eigene Format transcodiert hat.
Native Bearbeitung versus Transcodieren
Die Performance beim Abspielen von nativen mp4-Files lässt außerdem zu wünschen übrig. Wenn man nicht gerade eine Workstation mit 16 GB Ram und schnellen XEON Prozessoren hat, kommt bei der Bearbeitung keine wirkliche Freude auf. Bei einem Dutzedn Videoclips in der Timeline ruckelt das Bild zu sehr, gerade beim Vor- und zurückspulen macht sich das negativ bemerkbar. Für mich heißt das: Auch künftig empfiehlt es sich, Aufnahmen zu transcodieren. Nachteil dieses Schritts: Die Videofiles werden aufgebläht, verbrauchen dadurch deutlich mehr Festplattenplatz und das eigentliche Umwandeln dauert seine Zeit. Dadurch entpuppt sich das AMA-Feature, mit dem man native Files ohne Umwandlung in den Avid holen kann, als ein “nettes” aber entbehrliches Tool. Es ist gut, um mal schnell ein paar Aufnahmen in der Timeline zu sichten: Wirklich ruckelfreies Arbeiten mit DSLR-Files sieht aber anders aus.
Smart Tool
Ein wirklich kluger Schritt von Avid ist das neue Smart-Tool, das sich unauffällig linkt neben die Timeline schmiegt.
Vorteil: Das Klicken und Aktivieren einzelner Funktionen in der Werkzeuge-Palette entfallen. Befindet man sich mit dem Mauszeiger über der Hälfte eines Clips ist automatisch das rote Überschreiben bzw. Überschreiben-Trim-Werkzeug aktiv, ist man mit der Maus in der unteren Hälfte des jeweiligen Clips ist das gelbe Splice-In bzw. Ripple-Trim-Werkzeug aktiv. An die neue Funktion gewöhnt man sich sehr schnell. Sie machen das Bearbeiten um einiges leichter und intuitiver. Vor allem, wer bislang mit Final Cut Pro gearbeitet hat, dürfte sich nun schneller mit Avid zurechtfinden.
Was mich jedes Mal im Vergleich mit anderen Schnittprogrammen überrascht, ist die gute Qualität der automatischen Farbkorrektur. Wenn mal keine Zeit da ist, Kontrast- und Farbwerte händisch anzupassen, dann sind die automatischen Funktionen überragend gut. Kein Vergleich zu CS5 oder anderen Programmen.
Fazit
Die fünfte Version des Media Composers überzeugt. Die Software hat sich dank der Smart Tools einen Schritt auf die Konkurrenz zubewegt. Damit will man User von Final Cut und anderen Programmen wieder zurückgewinnen. Wie üblich für Avid: Der Composer 5 läuft absolut stabil. Nach einer (unüblich langen) Zeit der Einarbeitung dürfte man sich auch als Einsteiger zurecht finden.
Besonders attraktiv ist die Version für Studenten/Akademiker (Avid hat offenbar gelernt und will den Nachwuchs wieder stärker an sich binden): Dort fehlen zwar Pakete wie Sorenson Squeeze oder die Effekte Sammlung von Borisfx – aber für Euro 279.- darf man sich darüber nun wirklich nicht beklagen. Außerdem kann man nach dem Kauf für die nächsten vier Jahre kostenlos auf nachfolgende Versionen updaten. Zum Vergleich: der normale Preis beträgt mehr als Euro 2.100.-


